Holy Cow!
Gegrillte Hamburger und Steaks stehen gewöhnlich nicht auf Speisekarten von gläubigen Hindus, ebenso wenig wie von Buddhisten. Eigentlich. Denn Indien ist ein Land der Widersprüche oder wie Gandhi poetischer formulierte: eine Einheit in der Vielfalt. Da sind Schlachthöfe offiziell zwar verpönt, gleichzeitig gehört der Subkontinent weltweit jedoch zu den größten Rindfleischlieferanten. Ein frisches Rindersteak lässt man sich gerne mal heimlich nach Hause liefern – in der Nacht, versteht sich. Und wenn einem verstorbenem Hindu bei der Bestattung ein Kuhschweif in die Hand gelegt wird – um nach hinduistischem Glauben die Überquerung des Höllenflusses zu garantieren – dann sollte jedem Gottgefälligen klar sein, dass Kuhschwänze nicht vom Himmel fallen. Wie passt das zusammen? Nun, nicht nur die heiligen Kühe, die im Schlachthaus am Metzgerhaken baumeln, sind ein Paradoxon. Auch die Rinder, die man im Alltag erblickt, haben meist nichts gravitätisch Heiliges an sich. Ganz im Gegenteil. Klapperdürr bis zum Gerippe abgemagert, in Müllhaufen oder Müllcontainern nach Futter suchend, so streunen sie meist herrenlos durch die Metropolen, Städte und Dörfer.
Wie kommt es nun also, dass der Wiederkäuer als heilig verehrt wird? Findet man im Alltag einer Kuh doch nichts Gott ähnliches – auch wenn viele Passanten das Tier berühren, um sich danach mit dem Finger über die Stirn zu fahren. Muss man wirklich die Energie einer Kuh aufsaugen? Will man in Indien Traditionen und Bräuche erklären, dann liegen die Wurzeln, wie so oft, in den vedischen Schriften. In diesen ältesten heiligen Schriften der Hinduisten gibt es bei all der Farbenpracht nichts, was es nicht gibt. Im Vergleich dazu kommen die griechischen Götter des klassischen Altertums doch ziemlich altbacken daher. Da kann sich Zeus noch so sehr ins Zeug legen und sich sogar in einen Stier verwandeln. Gegen Ganesha, Hanuman und Co. aus den Schriften der Veden wirken er und die anderen Götter des Olymp ziemlich spießig. Und in eben diesen Veden – die weit vor unserer Zeitrechnung entstanden, jedoch erst im Mittelalter schriftlich tradiert wurden – wird die Kuh als Mutter des Universums und der Menschheit verehrt. Sie ist der wandelnde Wohnsitz des himmlischen Pantheons und gilt als ein Wesen, das alle Wünsche zu erfüllen vermag. Daher darf die Kuh auf keinen Fall getötet werden. Und wer mit ihr im Straßenverkehr kollidiert, für den rächt sich das mit einem verdammt schlechten Karma. So darf man sich nicht wundern, dass LKW-Fahrer lieber eine Verspätung ihres Liefertermins in Kauf nehmen, als sich im Straßenverkehr mit einer heiligen Kuh anzulegen. Sie anzufahren ist gleichzusetzen mit einer gesetzlichen Straftat und wird mit hohen Bußgeldern belegt. So ist es denn auch nicht verwunderlich, dass Kühe im Stande sind, ganze Hauptverkehrsstraßen zum Erliegen zu bringen. Vor einer Kuh auf der Straße wird andächtig gewartet, egal ob sie steht oder liegt. Am besten ohne zu hupen. Man wartet einfach, bis sie sich von selbst rührt. Und das kann dauern. Zuweilen ewig.