DHARAMSALA

Karma und Cash 

(Dharamsala, Indien)

Die Stadt erhebt sich lautlos aus ihrem Mittagsschlaf und schüttelt die Nebeldecke von sich. Das Blau schwappt über Marta, als wäre über ihr ein Farbeimer zerplatzt. Diese Wetteränderungen geschehen hier oben so plötzlich, als gehörten sie zu einem großen Schauspiel. Und die Spanierin liebt melodramatische Wendungen. Was sich die Berge für den Tag auch ausdenken, Sturm oder Gesang, selten lassen sie sich in die Karten schauen. 

Immer neue Menschenströme zieht es nach „Klein-Tibet“, wie man Dharamsala getauft hat. Digitale Nomaden und neoromantische Gralssucher vermischen sich mit den roten Mönchsroben zu einem bunten Amalgam. Marta findet das Treiben aufregend. Auch wenn sie als Lehrerin Distanz wahren muss. Und als Agentin noch mehr. Einem überschäumenden Gefühl darf man hier nicht nachgeben, nicht in diesem Leben.

Vor dem Treffen mit den Vertretern der tibetischen Exilregierung bleibt noch Zeit. Ein neu eröffnetes Restaurant weckt ihr Interesse. Auch das hat sich seit ihrem letzten Aufenthalt vor 15 Jahren verändert. Waren es damals noch vergilbte Internetcafés mit alten Hippies gewesen, die sich schon am Morgen Pornos reinzogen und den Rest des Tages auf das Abendessen warteten – immer in dem Glauben, dass im Dunstkreis des Dalai Lamas alles gutgehen würde –, so sind die Einrichtungen jetzt beinahe clean. Die Alt-Hippies sind verschwunden und mit ihnen der morbide Geist. Dafür transportieren junge Esoteriker eine Frische im Gepäck, die dem spirituellen Zauberberg einen neuen Anstrich verleiht. Und gut zu den Häusern passt.

Die bunten Fassaden der Häuser imitieren die Kulisse einer Modelleisenbahn. Seit sich der 14. Dalai Lama 1960 hier niedergelassen hat, versprüht der Ort nicht nur ein göttliches Mitgefühl. Vielmehr haben Arbeitseifer und Geschäftssinn der ganzen Region zum Aufschwung verholfen. Haben den Zufluchtsort des Kundun in einen prosperierenden Wallfahrtsort verwandelt. Cash ist auch hier oben King und lässt den Himmel noch ein wenig blauer leuchten. Rund 20.000 tibetische Flüchtlinge leben in Dharamsala, die meisten bereits in der dritten Generation. Marta weiß aber genau, dass Karma und Cash noch längst nicht alles sind. Weiß genau, dass ein Widerstandsnetz den Ort überzieht wie die verworrenen Kabel der Strommasten. Auch wenn Tibets Hauptstadt 1000 Kilometer entfernt liegt, will man hier nicht erst auf die Reinkarnation warten, um den Potala-Palast mit eigenen Augen zu sehen.

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