Kleine Schweißperlen bildeten sich auf Thorbens Stirnfurche. Wanderten bis zur Nasenspitze. Taumelten einen kurzen Moment im freien Fall, um dann in die Tiefe zu stürzen. Auf dem Boden zerplatzten die Tropfen in tausend kristalline Teile. Physiognomie einer Niederlage?
Der Schwede blickte dem Shaolin-Meister tief in die Augen, fand hinter dem dunklen Braun aber nicht die geringste Spur von Erschöpfung. Zu fest hielt er die Handgelenke seines Gegenübers umschlossen, während er ruhig und gleichmäßig atmete. Selbstbeherrschung in Vollendung. Davon war Thorben weit entfernt. Sein Gesicht gezeichnet. Hinter seinen Schläfen mäanderten blaue Serpentinen. Seine Halsschlagader war kurz davor zu platzen. An einen weiteren Befreiungsversuch wollte er gar nicht denken. Lähmende Müdigkeit im Kopf, Mehltau auf den Muskeln. Man musste akzeptieren, was man nicht ändern konnte.
„Du bist körperlich stark. Sehr stark sogar“, hörte Thorben den Shaolin-Meister von hinten in sein Ohr flüstern. „Aber dein Geist ist es nur annähernd. Ein wirklich erfolgreicher Kämpfer wird man durch das Ertragen von Schmerzen und nicht durch das Austeilen von Schlägen.“
Der Kalenderspruch eines weisen Mannes, poetisch prägnant. Yan Son zog den Griff noch fester um Thorbens Handgelenk, als wollte er seinem Pathos Nachdruck verleihen. Als wollte er ausgerechnet heute, am längsten Tag des Jahres, die Zeit anhalten. Als lebendes Standbild bemerkte Thorben die Mücken, die um seine Stirn kreisten. Ebenso die Blicke der umstehenden Mönche – glücklicherweise alle in einem unvollendeten Kreis. Yan Sons Würgegriff hatte anscheinend auch nach den Farben gegriffen. Ein hartes Licht war alles, was der Schwede im Klosterhof noch wahrnahm. Elegiein Schwarz und Weiß. Wie gemacht für einen Bildband der Kontemplation. Ein Fotograf mit einer alten Großformatkamera hätte Zeit genug, um auf den Auslöser zu drücken. Ein einziges großes Fest der Kargheit. Wohltuend in einer Epoche der tausend Klicks pro Sekunde.
Gepolsterte Uniformen gab es in diesem Boot Camp ebenso wenig wie Sicherheitsmatten. Aufgetürmte Hornhaut, das war der Schutzpanzer des Shaolin. Zu viel Gehabe? Vielleicht. Zu viel Testosteron? Vielleicht auch das. Aber auf keinen Fall ein Shortcut. Der Boden, auf den man hier fiel, war rauer als anderswo, war keine Fassade für Kung-Fu-Fans. Auf zahlende Gäste wie Thorben wurde keine Rücksicht genommen. Und wenn hin und wieder Holzstöcke an angespannten Bauchmuskeln zerbrachen, dann nicht, um den Hype eines Videospiels zu bedienen. Yan Son verzichtete auf innere Genugtuung, als er Thorben aus seiner Umklammerung freigab und abrupt zur Seite sprang. Auch der Schwede trat einen Schritt zurück. Weniger dynamisch, aber dankbar. Seine Verbeugung war keine gespielte Demut. Frei atmen zu können, ist keine Selbstverständlichkeit. Die gefalteten Hände vor seiner Brust hatten fast etwas Unterwürfiges.
„Wenn heute deine letzte Arbeit in unserem Kloster getan ist, finde dich vor dem Abendessen in dem Zimmer des Abtes ein“, bat der Asiate den Agenten und fügte im Gehen grinsend hinzu: „Auch am letzten Tag gehört der Garten ganz dir. Die Pflanzen freuen sich auf dich wie die Kinder.“
Dann war er mit den anderen Shaolin-Mönchen im großen Schatten des Klosters verschwunden. Ein Meister der Kampfkunst zu sein, bedeutete nicht, auf Sarkasmus zu verzichten.
Thorbens erneute Verbeugung glich einem puren Hochgefühl. Ein Hochgefühl in der Niederlage? Aber die Farben leuchteten jetzt wieder, und die Natur streckte ihm die Hände entgegen. Stage-Diving im Klostergarten!
In einem Fass mit Regenwasser versenkte der Schwede seinen kahlgeschorenen Kopf. Als er wieder auftauchte, schossen die auseinanderstrebenden Wasserkugeln wie eisgekühlter Daiquiri über seinen nackten Oberkörper. Das gleißende Sonnenlicht setzte seine kristalline Schönheit in Szene. Ließ seine Sehnen aufblitzen, als wären sie aus verchromtem Stahl. Zu viel Eitelkeit an einem Ort wie diesem? Auch wenn das Lehrbuch des Shaolin, das „Yi Jin Jing“, in einem ganzen Kapitel darauf eingeht, wie man Muskeln stählt und Sehnen biegt, fand Thorbens Astralkörper nur wenig Beachtung. Die schwüle Luft drückte zu sehr auf die Gemüter, als dass eine Weinranke sich hätte regen mögen. Vielleicht streckte ein Schneckchen seine Fühler für einen kurzen Blick empor. Aber ihren Schattenplatz für einen Applaus zu verlassen, wäre ihr nie in den Sinn gekommen.